«Die Schweiz ist seit vielen Jahren Innovations-Weltmeister.»

Dr. Heiko Visarius ist Mitglied des Stiftungsrates und Präsident der Jury der Swiss Excellence Stiftung. Er kennt sich wie kein zweiter in der Startup-Szene aus und ist ein gefragter Coach und Netzwerker. Wir sprachen mit ihm über die Innovationslandschaft Schweiz.

Wieso setzen Sie sich für die Stiftung Swiss Excellence ein?

In der Schweiz werden tolle Sachen erfunden, aber man spricht viel zu wenig darüber. Das gilt besonders für KMUs. Ich finde es sehr wichtig, dass innovative Produkte von Schweizer KMUs und Startups gewürdigt werden – schliesslich reflektieren sie die Stärke des Werkplatzes Schweiz. Da ist die Schweiz wie in vielen Bereichen viel zu bescheiden. Die Stiftung Swiss Excellence leistet einen wichtigen Beitrag dazu, innovative Produkte in den Vordergrund stellen.

Welchen Stellenwert hat für Sie Innovation in der Schweizer Wirtschaft?

Einen sehr hohen. Wir sind seit vielen Jahren Innovations-Weltmeister. Ein Land, das keine Rohstoffe hat und relativ klein ist, kann sich nur behaupten, wenn es sich durch Innovationen auszeichnet.

Wie entstehen in einem KMU Innovationen? Was braucht es dafür?

Es gibt vielfältige Möglichkeiten, wie Innovationen zustande kommen. Einerseits sind das die Mitarbeiter, die Teams, die Ideen haben. Andererseits sind es auch Kunden, die darauf hinweisen können, dass bestimmte Probleme noch ungelöst sind und man dafür etwas Neues erfinden sollte. Der allergrösste Teil sind inkrementelle Innovationen, das heisst, es wird etwas Kleines erfunden oder verbessert. Es kommt nicht jeden Monat etwas Disruptives wie zum Beispiel das iPhone auf den Markt.

Wie kann die Führung Innovationen fördern?

Die Führung soll zur Innovation ermuntern und sich dabei klar sein, dass auch Fehler gemacht werden. Manchmal klappt es nicht, eine Neuigkeit zu erfinden. Oder es wird etwas erfunden, das nicht funktioniert oder das am Ende keiner kaufen will. Das muss man sich eingestehen. Ansonsten muss ein Unternehmen die Mitarbeitenden ermuntern, ihre Ideen anzubringen. Es braucht eine offene Diskussionskultur, es darf auch mal getüftelt werden. In solchen Freiräumen entsteht Innovation.

Das bedeutet aber auch, dass man scheitern darf und dass Fehler passieren können? Das ist in der Schweiz keine verbreitete Einstellung.

Das stimmt. Da hinken wir zum Beispiel den Amerikanern ziemlich hinterher. Im Silicon Valley in der Startup Szene ist das Scheitern ein Teil der Kultur. Aus Scheitern kann man lernen und beim nächsten Mal etwas besser machen.

Was sind die Innovationstreiber am Werkplatz Schweiz?

Wir haben hier alles, was es braucht: Eine diverse Industrielandschaft, die sehr viel produziert, was es für innovative Produkte benötigt – vom speziellen Kunststoff bis zum AI Programm. Dazu kommen kurze Wege. Die Leute kennen einander. Es ist relativ einfach, in der Schweiz im Netzwerk zu agieren.

Es gibt viele Innovationen. Was macht es aus, dass etwas wirklich erfolgreich wird und sich am Markt durchsetzt?

Am wichtigsten ist es, das Marktbedürfnis gut zu verstehen und zu validieren. Nur auf dieser Basis können sinnvolle Innovationen entwickelt werden. Ein häufiger Fehler ist, dass etwas entwickelt wird, weil man es kann oder weil man es selber gut findet. Das sehe ich sehr oft in der Startup-Szene. Da hat jemand vier Jahre auf etwas promoviert und findet das die tollste Sache der Welt. Es gibt aber sonst nicht viele Leute, die das so sehen, weil das Produkt kein Problem löst.

Wie sieht es aus mit der Finanzierung von Startups in der Schweiz?

Startups gehen durch verschiedene Phasen. In der ersten Phase ist das Startup sehr darauf angewiesen, dass es Geldgeber findet. Hier ist die Schweiz gut aufgestellt. Es gibt sehr viele Preise, sehr viele Fellowships, Grants und mehr, eine gut entwickelte Business Angels-Szene sowie einige Institutionen, die sich darauf spezialisiert haben, in der sehr frühen Phase zu investieren. Wo die Schweiz grossen Nachholbedarf in Sachen Finanzierung hat, ist die nächste Phase, die sogenannte Serie A, die erste etwas grössere Finanzierungsrunde. Dafür haben wir nicht sehr viele Anlaufstellen.

Aber wäre das nicht die erfolgsversprechende Phase?

Eigentlich ist das schon so. Die grössten Risiken sind in dieser Phase bereits überwunden. Es gibt einen Prototyp, der vielleicht den möglichen Kunden bereits gezeigt wurde, man hat dafür bereits erste Feedbacks erhalten und weiss, dass das Produkt einem Bedürfnis entspricht. Trotzdem ist es deutlich schwieriger, in der Wachstumsphase Geld aufzutreiben als ganz am Anfang.

Müsste es nicht Banken geben, die solche Investitionen ihren Kunden empfehlen?

Es gibt einige Banken, die entsprechende Vehikel haben. Ich bin selbst im Beirat einer Schweizer Bank, die für Investitionen in Startups einen speziellen Fonds hat. Es ist aber nicht das klassische Bankenmodell, weil die Sicherheiten, die Startups bieten können, viel zu gering sind für eine Bank.

Was würde es brauchen?

Es mangelt in der Schweiz nicht an Geld. Es ist eine Frage der Mentalität. Ich würde es mir wünschen, dass mehr vermögende Leute es ins Auge fassen, ein Startup Investment zu machen, als Business Angel aufzutreten und vielleicht neben dem Geld auch ihre Expertise und ihr Netzwerk einzubringen.

Wie steht die Schweiz hier im Vergleich zu Europa, zum Beispiel zu Deutschland da?

Als EU-Coach für Innovationsprojekte habe ich Einblick in Innovationssysteme anderer Länder. In Deutschland ist die Wagniskapitalszene zwar etwas ausgeprägter. Aber im Verhältnis zur Grösse des Landes haben wir in der Schweiz erhebliche finanzielle Mittel und stehen nicht schlecht da. Startups werden hierzulande auch finanziell gut unterstützt, aber wir sind nicht längst nicht da, wo die USA oder auch Israel sind.

Wie machen die das? Wird das staatlich gefördert?

Nein, überhaupt nicht. Die staatlichen Systeme sind in der Schweiz sehr gut. Wir haben diverse Förderorganisationen – zum einen Innosuisse, zum anderen hat jeder Kanton seine Innovationsagentur. Es gibt auch viele andere Institutionen, die Startups unterstützen – der Sitem Insel Startup Club zum Beispiel. Aber der Mindset im Business Angel Bereich muss sich weiterentwickeln. Wir brauchen noch mehr Leute, die Startups unterstützen möchten und bereit sind, dafür finanzielle Mittel einzusetzen.

Scheitern gehört da auch dazu?

Ja, es kann sein, dass man das Geld verliert. Deshalb ist sinnvoll, in mehrere Startups zu investieren. Dann hat man eine gute Chance, dass daraus etwas wird.

Was sind die Erfolgsfaktoren für ein Startup? Aus welchen Startups wird etwas?

Das hängt stark vom Gründerteam ab. Es ist wichtig, dass da die richtigen, sich ergänzenden Kompetenzen vorliegen. Ich sage immer, man braucht einen, der tüfteln kann, einer der rechnen kann und einer der quatschen kann. Dazu kommt ein sehr starkes Commitment. Man kann ein Startup nicht nebenher gründen und weiter 80% als Universitätsprofessor arbeiten. Das funktioniert nicht. Ein weiterer Faktor ist das Marktbedürfnis. Löst das Produkt des Startups wirklich ein Problem? Wurde das gut validiert? Macht die Lösung Sinn? Der potenzielle Investor fragt sich selten, ob das Startup technisch in der Lage ist, die Innovation zu entwickeln. Stattdessen fragt er sich, ob sich ein kommerzieller Erfolg einstellen wird und Kunden das Produkt wirklich kaufen werden. Zusätzlich braucht es ein gutes Netzwerk. Da haben viele Leute Aufholbedarf, wenn ich mir die Anzahl Kontakte auf Linkedin anschaue. Es ist extrem wichtig, ein Netzwerk zu haben, bei dem man sich Expertise holen kann, oder wo man auch Zugang zu grösseren Firmen erhält. Die braucht es irgendwann – vor allem in den späteren Phasen des Startups, wenn es um die Themen Industrialisierung und Internationalisierung geht. Das kann ein Startup in den meisten Fällen nicht allein stemmen. Da braucht es Zugang zu den grossen Playern. Und schliesslich noch das Thema Kommunikation. Ein Startup muss in der Lage sein, sein Produkt einfach zu erklären und in wenigen Sätzen auf den Punkt zu bringen. Es ist erstaunlich, wie grosse Mühe das oft macht.

Sie sind ein gefragter Coach und Experte, wenn es um Innovationen geht.

Ich habe hier meine Nische gefunden, die mir unglaublich Spass macht. Ich freue mich, dass ich mit meinen vielfältigen Kontakten immer wieder selbst netzwerkend tätig sein und Menschen zusammenbringen kann. Seien das die richtigen Mitarbeitenden, Experten, Investoren oder strategische Player.  Damit kann ich für die Startups einen Mehrwert generieren. Auf der anderen Seite versuche ich auch in den verschiedenen Innovations-Organisationen, bei denen ich als Experte oder Jury-Mitglied dabei bin, Produkte von KMUs und Startups zu fördern und ihnen eine Bühne zu geben.

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